Da berühren sich Himmel und Erde...

Kevelaerpilger St. Bartholomäus (c) privat
Kevelaerpilger St. Bartholomäus
Datum:
Fr. 26. Aug. 2022
Von:
Felix Lankes

 

Kevelaer-Wallfahrt der Pfarre  St. Bartholomäus Niederkrüchten  vom 5. bis 7. August 2022

 

Bei Pilger- oder Wallfahrten berühren sich „Himmel + Erde“: Auf der Suche nach Orientierung und Ermutigung aus dem Glauben bringt der Mensch sein ganz persönliches Leben vor Gott und die Gottesmutter. Zugleich wird er sich aber auch seiner Verantwortung für die Schöpfung und die Welt bewusst.

Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr hat uns unser Alltag mit seinem gleichförmigen und verpflichtenden Ablauf fest im Griff. Nur in seltenen Momenten gelingt es uns, gleichsam zurückzutreten, weiter zu schauen, tiefer zu fühlen. Pilgerreisen, Wallfahrten oder ein Besuch an einem Wallfahrtsort schaffen solche Räume, lassen uns spüren, dass es da etwas letztlich Unfassbares gibt zwischen Himmel und Erde. Die Dimension des Spirituell-Göttlichen rührt uns an und durchströmt unsere Lebensrealität. Wir kommen zu Atem, fühlen uns getröstet, aufgehoben, schöpfen neue Kraft. Und diese Erfahrung, diese Liebe, gilt es zu leben, weiterzutragen, in der Verantwortung für unsere Nächsten und die ganze Schöpfung. (aus Himmel + Erde berühren, 2022 erschienen bei Butzon & Bercker)

Etwa 40 Fußpilgerinnen und -pilger machten sich am frühen Freitagmorgen unter dem Leitwort „Himmel + Erde berühren“ auf den Weg zur Consaltrix Afflictorum - der Trösterin der Betrübten - nach Kevelaer. Der Himmel meinte es von Anfang an gut mit uns: Hatte sich noch in der Nacht ein beständiger Landregen über den Niederrhein gelegt, hörte dieser pünktlich zum Reisesegen in unserer Pfarrkirche auf, und so konnten wir die Pilgerreise trockenen Fußes beginnen. Und auch die Temperaturen spielten mit. Bei den letzten Wallfahrten waren wir regelmäßig bei Temperaturen jenseits der 30 Gradmarke gepilgert. Durch den nächtlichen Regen waren die Temperaturen deutlich gefallen - ideale Pilgerbedingungen.

Doch nicht nur aufgrund der äußeren Bedingungen unterschied sich die Wallfahrt von denen vorangegangener Jahre: Erstmals fehlte Gerd Liedtke, der im vergangenen Jahr als Pilgerleiter gebührend verabschiedet worden war. Er prägte wie kein anderer die Niederkrüchtener Kevelaer-Wallfahrt über mehr als ein halbes Jahrhundert. Die hinterlassene Lücke wurde durch ein neu formiertes Pilgerleiter-Team gefüllt. 

Zudem war es nach drei Jahren die erste Wallfahrt ohne coronabedingte Einschränkungen. Hierzu hörten wir am ersten Wegekreuz in Leuth folgende Gedanken: Berührung, ein Schulterklopfen, ein Handschlag, eine feste Umarmung, die haben wir in den letzten drei Jahren nur selten erlebt. […] Viele Mitmenschen leiden an „Hauthunger“. Hauthunger steht für das Vermissen körperlicher Nähe. Wird der Bedarf an Berührung nicht gestillt, verkümmert der Mensch. Berührungen lassen uns Menschen empfindsamer werden. Wer sich anfassen lässt, ist gleichzeitig auch verletzlicher. Ein Schatz von guten Berührungserfahrungen kann wie ein Schutzschild gegen negative Erlebnisse wirken. Berührung kann uns in Bewegung bringen, um im besten Fall auch andere zu berühren. (nach Iris Macke, 2022)

Am frühen Abend erreichten wir mit leichter Verspätung („wir hängen“) die Gnadenkapelle in Kevelaer. Der Kapellenplatz ist aktuell eine Großbaustelle, weil dort seit September 2021 umfangreiche Sanierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen vorgenommen werden. Wir zogen dreimal feierlich, singend um die Kapelle, ehe wir im Angesicht des Gnadenbildes kurz innehielten. „Angekommen“, „Gut gelaufen“, „Geschafft“, viel mehr gibt es nicht zu sagen, nach einem langen, anstrengenden Weg, sich umarmend, manchmal auch eine Träne der Rührung oder der Erleichterung im Auge, jeder mit seinen ganz persönlichen Anliegen im Gepäck.

Dankbar und müde feierten wir gemeinsam mit den rund 20 Radpilgerinnen und -pilgern, die am späten Vormittag nach Kevelaer aufgebrochen waren, die Vesperfeier in der Beichtkapelle. Nach der Begrüßung durch die Wallfahrtsleitung fand Pastor Schweikert diese einleitenden Worte: „Wir hatten heute den ganzen Tag die Erde, unsere Erde unter den Füßen. Sie hat uns Härte spüren lassen, eine Härte, die daran erinnert, dass nicht alles gut auf ihr ist, aber auch ihre Tragkraft, die uns an Gott erinnern will, der auf diese Erde kam, der uns in Jesus gezeigt hat, wie der Himmel auf Erden aussehen könnte. Jesus hat uns erzählt, wie der Himmel ist. Er hat uns gezeigt, was es heißt, ganz als Mensch zu leben. In der Heilung, die Menschen widerfahren ist, die ihm begegneten. In Gesprächen, die Menschen völlig veränderten. In der Vergebung, die er Menschen zusprach, die den Weg des Lebens und menschliche Gemeinschaft verloren hatten. Da hat der Himmel auf Erden angefangen. Der Himmel ist auf Erden angekommen. Deshalb: was hindert uns daran, es Jesus nachzumachen? Ein Stück Himmel auf die Erde zu bringen. Zu leben wie Jesus. Freundlich. Vergebend. Den Menschen zugewandt. Heilend…“ 

Die Vesper selbst bot Gelegenheit, etwas symbolisch von der Erde in den Himmel zu heben. Etwas, das für einen persönlich Gabe, Geschenk, vielleicht aber auch Last der Erde ist. Etwas, das wir dem Himmel anvertrauen wollen.

Am Samstagmorgen bildeten wir traditionell ein Spalier, um die Pilgerinnen und -pilger aus Amern zu begrüßen, die in der Nacht aufgebrochen waren. Anschließend feierten wir mit allen Gemeindemitgliedern, die sich an diesem Tag auf den Weg nach Kevelaer gemacht hatten, heilige Messe im Forum Pax Christi, ehe am Nachmittag Amern und Niederkrüchten gemeinsam den Großen Kreuzweg gingen. Der Pilgertag wurde mit einer feierlichen Prozession zur Gnadenkapelle und dem Abschlusssegen am Gnadenbild mit der Segnung beschlossen. Besonderheit war hier, dass der Vertreter der Wallfahrtsleitung bei der Segnung der Andachtsgegenstände die Stola trug, die Papst Johannes Paul II. bei seinem Kevelaer-Besuch im Jahr 1987 getragen hatte.

Nach einem gemeinsamen Gebet an der Gnadenkapelle brachen wir am frühen Sonntagmorgen auf, um Kevelaer wieder Richtung Niederkrüchten zu verlassen. Auf dem Weg feierten wir in St. Rochus Lüllingen gemeinsam Wortgottesdienst. Am frühen Abend erreichten wir Niederkrüchten, geschafft vom Weg, der hinter uns lag, vielleicht ein bisschen stolz auf das Geleistete, vielleicht reich an neuen Bekanntschaften, erfüllt von vielen Gesprächen, gefüllt von vielen Gedanken, vielleicht auch ein wenig leichter als noch am Freitagmorgen. Den feierlichen Abschluss der Wallfahrt bildete die Prozession durch den Ort zur Pfarrkirche mit anschließender Andacht und die emotionale Verabschiedung. Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand…

Damit eine solche Wallfahrt gelingen kann, bedarf es vieler helfender Hände und Köpfe. Stellvertretend für alle, die sich bei der Vorbereitung und Durchführung engagiert haben, sei an dieser Stelle dem neu formierten Pilgerleiter-Team sowie Pastor Schweikert ganz herzlich gedankt.

Und so möchte ich meinen kleinen Rückblick beschließen mit dem Liedvers von Wilhelm Willms, den wir gemeinsam nach jeder Meditation an den Wegekreuzen aufgesagt haben:

Weißt du wo der Himmel ist 

außen oder innen 

eine Handbreit  rechts und links

du bist mitten drinnen!

 

Felix Lankes